Positives Erleben der Spielsucht (Störungsgewinn)

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Heute möchte ich mit dem positiven Erleben der Spielsucht, oder auch Störungsgewinn / Krankheitsgewinn, beschäftigen.

Bild von Tumisu auf Pixabay

Eine Sucht hat nicht nur negative Aspekte, denn sonst würde es keine Süchte geben. Die Betroffenen müssen irgendein wiederkehrendes positiven Erlebnis mit der Sucht in Verbindung bringen. Einfach ausgedrückt werden durch eine Handlung oder eine Substanz bestimmte Regionen im Gehirn angesprochen, die dann einen positiven Erlebnisszustand beim Betroffenen auslösen. Wenn Du wissen willst, was genau in Deinem Gehirn beim Glücksspielen passiert, dann schau Dir diesen Beitrag an.

Den Begriff Störungsgewinn bei Glücksspielsucht habe ich in Buch Therapiemotivation von Dietmar Schulte gelesen.

Dieser Begriff geht auf den Begriff Krankheitsgewinn von Sigmund Freud zurück. Den Begriff des Krankheitsgewinns möchte ich hier kurz zitieren:

„Krankheitsgewinn (engl.: morbid gain) ist eine allgemeine Bezeichnung für die objektiven und/oder subjektiven Vorteile, die ein (tatsächlich oder vermeintlich) Kranker aus seiner Krankheit bzw. die ein Patient aus seiner Diagnose zieht.“ (Quelle: Wikipedia)

Das wird dann nochmal in primären, sekundären, tertiären und quartären Krankheitsgewinn unterteilt. Wir beschäftigen uns in erster Linie mit dem primären Krankheits-/ oder Störungsgewinn bei Spielsucht.

„Der primäre Krankheitsgewinn (innerer Krankheitsgewinn; Michael Zaudig, Rolf Dieter Trautmann-Sponsel, Peter Joraschky, Rainer Rupprecht, Hans-Jürgen Möller: Therapielexikon Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie. Springer-Verlag, 2006, ISBN 978-3-540-30986-4, S. 414) besteht in inneren oder direkten Vorteilen, die der kranke Mensch au seinen Symptomen zieht: z.B. kann er dadurch als unangenehm empfundenen Situationen oder Konflikten aus dem Weg gehen. Das Symptom wird dann zwar als unangenehm erlebt, jedoch erlaubt es dem Kranken, keine sofortige (aus dem Konflikt herausführende) Entscheidung treffen zu müssen (oft erkennt er einen Konflikt, den er hat oder in dem er steht, gar nicht als solchen). Er fühlt sich nur in einer unangenehmen (für ihn z. Z. ausweglos erscheinenden) Situation, welche ihn schwächt. Der Zusammenhang zwischen Konflikt und Krankheitssymptomen wird nicht für möglich gehalten und bleibt unbewusst. Auch kann das Symptom unbewisst dazu dienen, unangenehmeren Konflikten aus dem Weg zu gehen (z. B. das plötzlich Erkranken vor einer schweren Prüfung).“ (Quelle: Wikipedia)

Versuchen wir das Ganze mal auf Spielsucht zu übersetzen. Ein Spieler hat Probleme in vielfältiger Weise. Das Spielverhalten stellt zum einen Ursache da, aber auch die vermeintliche Lösung der Probleme. Kommt es nun zu irgendeiner Art Konflikt (Streit, Stress, Kündigung, Trauer …) gelingt es Spielern, diesen Konflikt zu umgehen, sogar auszublenden, indem er sich seiner, dem Glücksspiel hingibt.

Hierzu möchte ich Dir ein sehr treffendes Beispiel aus meinem Leben geben. Vor ein paar Jahren kam meine damals 97-jährige Großmutter ins Krankenhaus. Es sah nicht gut aus und mit ihrem Ableben war zu rechnen. Das wusste ich und machte mich auf den Weg zu ihr. Kurz nach der Abfahrt fuhr ich an einer Spielothek vorbei. In mir machte sich der Gedanke breit meine Spielsucht, als Konfliktlöser zu nutzen. Ich wollte mich nicht damit auseinandersetzen, dass ein geliebter Mensch im Sterben lag. Ich wollte die Trauer nicht fühlen und machte tatsächlich halt auf dem Parkplatz der Spielothek. Meine Familie war mir in diesem Moment egal. Ich wollte meine Zeit nicht mit trauern verbringen, ich wollte auch niemandem eine Hilfe sein. Kurz vor dem Reingehen erlangte ich dann aber doch wieder die Kontrolle und machte mich auf den Weg ins Krankenhaus. Wäre ich in die Spielothek gegangen und hätte ich meiner Spielsucht nachgegeben, hätte ich beim Glücksspielen keine Trauer verspürt. Es wären sogar Glücksgefühle entstanden. Das wäre mein Störungsgewinn gewesen. Die Folgen sind in diesem Moment irrelevant, es geht nur um das umgehen negativer und das Erleben positiver Gefühle durch eine Krankheit, hier die Spielsucht.

Ein weiteres Beispiel ist die Flucht vor persönlichen Problemen. Immer wenn ich Streit mit meiner Lebensgefährtin hatte, fand ich mich schnellstmöglich in einer Spielothek ein. Dort musste ich mich nicht mit meinen negativen Gedanken und der angespannten Situation auseinandersetzen. Die Probleme waren für den Moment nicht präsent. Die Folgen meiner Handlungen waren mir egal, denn ich fühlte mich für den Moment gut. Verluste und gewonnenes Geld waren auch nebensächlich. Primär ging es nur um die Flucht vor negativen Empfindungen. Diese Situation ist eins zu eins übertragbar für Glücksspiele im Internet. Bei online Glücksspiel ist dieser Effekt sogar noch schneller erreichbar. Ein Sozialarbeiter hat Glücksspiel einmal sehr treffend als Kurzurlaub beschrieben. Ein Kurzurlaub von negativen Gefühlen und Empfindungen.

Die Liste von Beispielen ließe sich beliebig ergänzen. Jeder Spieler wird auf anhieb eigene Erfahrungen aus seinem Leben mit der Spielsucht vor Augen haben.

Schauen wir uns nun den sekundären Krankheitsgewinn an.

„Der sekundäre Krankheitsgewinn (äußerer Krankheitsgewinn; Michael Zaudig, Rolf Dieter Trautmann-Sponsel, Peter Joraschky, Rainer Rupprecht, Hans-Jürgen Möller: Therapielexikon Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie. Springer-Verlag, 2006, ISBN 978-3-540-30986-4, S. 414) besteht in den äußeren Vorteilen, die der kranke Mensch aus bestehenden Symptomen ziehen kann, wie dem Zugewinn an Aufmerksamkeit und Beachtung durch seine Umwelt und/oder z. B. der Möglichkeit, im Bett bleiben zu können und dort Nahrung serviert zu bekommen. (Jean Laplanche, Jean-Bertrand Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse („Vocabulaire de la psychoanalyse“). 7. Aufl. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1986, ISBN 3-518-27607-7, S. 274–276.) (Quelle: Wikipedia)

Aus meinen persönlichen Erlebnissen mit der Spielsucht kann ich die Aufmerksamkeit, welche mir aufgrund der Erkrankung zuteil wurde, nicht als positiv bezeichnen. Ich empfand genau diese Aufmerksamkeit eher als störend. Im Mittelpunkt zu stehen war mir nicht geheuer und überhaupt nicht mit positiven Empfinden verbunden. Für andere Spieler kann ich da nicht sprechen, aber ich denke mir, dass es mit Sicherheit den ein oder anderen gibt, der diese Aufmerksamkeit als Zugewinn betrachtet.

„Der tertiäre Krankheitsgewinn besteht in Vorteilen für die Umgebung des Erkrankten. Beispielsweise kann für Angehörige die zu erbringende Pflege als Bereicherung empfunden werden, da der Pflegende spürt, gebraucht zu werden, eine besondere Kompetenz erhält und sich so als Heilsbringer sehen kann (in D. E. Biegel, E. Sales, R. Schulz: Family caregiving in chronic illnes. Newbury Park, Sage, 1991.).“ (Quelle: Wikipedia)

Beim Lesen dieses Satzes kommt mir direkt Co-Abhängigkeit in den Sinn. Die Helferrolle ist vielen recht. Sie definieren sich dadurch, anderen Menschen zu helfen und sich für sie aufzuopfern.

Der Vollständigkeit halber: “Der quartäre Krankheitsgewinn bezeichnet die ideologische Um- und Aufwertung des Leidens oder der Krankheit. (Boris Wandruszka: Logik des Leidens: phänomenologisch-tiefenanalytische Studie zur Grundstruktur des Leidens mit ihren Auswirkungen auf die Gestaltung der therapeutischen Beziehung. Königshausen & Neumann, 2004, ISBN 978-3-8260-2680-5, S. 212)“ (Quelle: Wikipedia)

Die Gedanken zum Thema Störungsgewinn / Krankheitsgewinn finde ich sehr interessant und sie lassen darauf schließen, was in einer Spielsuchttherapie wichtig ist. Ein Ziel in der Spielsuchthilfe muss es sein, einen gesunden Umgang mit Problemen zu erlernen. Hilfe bei Spielsucht beginnt mit dem Erlernen von Bewältigungsstrategien. Eine erfolgreiche Therapie muss dazu führen, dass Selbsthilfe bei Spielsucht gefördert wird. Erfolgreiche Selbsthilfe bei Glücksspielsucht ist das Erlernen von Alternativen. Nicht die Flucht in das Glücksspiel sollte der erste Gedanke sein, sondern das Lösen von Problemen auf eine vernünftige und besonnene Art und Weise.

Wie erlebst Du Störungsgewinn bei Spielsucht?

Hier findest Du einen Ausweg aus der Spielsucht:

 

 

 

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